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Tells Apfelschuss ist heute keine Kunst mehr
05-03-10 13:37
Alter: 184 Tage





Tells Apfelschuss ist heute keine Kunst mehr Wilhelm Tell würde vor Neid erblassen. An den Armbrust-Schweizermeisterschaften in Ebnat-Kappel bewiesen die Schützen, dass sie mit dem Sportgerät der Nation sehr präzise umzugehen wissen. Es ist still. Die Armbrustschützen spannen ihre Bögen, legen den Pfeil ein und atmen tief durch. Sie tragen Ohrstöpsel – zur Konzentration. Denn die Schüsse sind nicht besonders laut. Die ersten fallen nach 20 Sekunden. Einer nach dem anderen. Bis schliesslich alle Pfeile auf der Zielscheibe eingeschlagen haben. Diese wird via Förderband zurückgeholt, damit die Punkte ausgewertet werden können. Wettkampfleiter Charly Eugster verkündet die Treffer der ersten Finalrunde. Die Zuschauer applaudieren. Dann kehrt wieder Ruhe ein. Die Zielscheibe wird ausgetauscht, das Förderband tritt den Rückweg an und die Prozedur beginnt von vorne. Atmen. Zielen. Schiessen. Bis zur nächsten Resultatsverkündung werden die Unterhaltungen der Zuschauer wieder im Flüsterton geführt. Kleines Interesse Das Interesse am Schweizer Volkssport schlechthin ist klein. So auch an der Schweizer Meisterschaft in Ebnat-Kappel. Über 10 Meter knieend (vgl. Infobox unten) wurde am vergangenen Wochenende der beste Schweizer Armbrustschütze in der Junioren- und Eliteklasse erkoren. Nur knapp 50 Personen verfolgten die Vergabe des nationalen Meistertitels. Dafür kamen sie in den Genuss eines hochdramatischen Finals. Nicht erst seit Wilhelm Tell hat sich Armbrustschiessen grundlegend verändert. «Zuerst waren die Zielscheiben grösser. Um die Spannung halten zu können, wurden sie dann der fortschreitenden Technik angepasst», sagt Sonja Müller, die Pressechefin des Eidgenössischen Armbrustschützen-Verband (EASV). Der Verband blickt bereits auf eine 111-jährige Geschichte zurück. Er ist damit älter als die meisten Schweizerischen Fussballvereine. Die bisher letzte Verkleinerung der Zielscheiben war im Jahr 2001, der Durchmesser beträgt nun 4.5 Millimeter. «Einen Apfel treffen ist heute keine Kunst mehr.» Müller lacht über das Klischee, das die Randsportart prägt. 75 Sekunden pro Schuss Die Qualifikation umfasst 40 Schüsse. Für jeden einzelnen haben die Schützen 75 Sekunden Zeit. Das reicht, um das Sportgerät zu laden und sich regungslos auf das Zielen zu konzentrieren. «Während der effektiven Schussabgabe atmen die meisten Schützen nicht», sagt Müller. Für die nationalen Ausscheidungen in Ebnat-Kappel haben sich 40 Elite-Schützen und 20 Junioren qualifiziert. Darunter sind auch Frauen. Da der Sport neben Präzision vor allem Konzentration und Kondition abverlangt, ist keines der beiden Geschlechter im Nachteil. Dennoch beträgt der Anteil Frauen in der gesamten Schweiz lediglich zehn Prozent. Mit neun Verlustpunkten im Final Die Qualifikation ist vorbei. Die Schützen gönnen sich im Restaurant eine Erholung. Sie jassen. Sie trinken Kaffee und essen Kuchen. Während 90 Minuten harrten sie unter vollster Konzentration in derselben Stellung aus. Um sich für den Final zu qualifizieren, waren 391 von 400 möglichen Punkten nötig. Im Final kämpfen nun die acht besten Schützen um die Medaillen. Es folgt die beeindruckende Aufholjagd des Menzingeners Martin Birchler. Ohne grosse Körperregungen nimmt er Mass, legt den Finger auf den Abzug und löst mit einer kaum sichtbaren Bewegung den nächsten Schuss aus. Nervosität ist ihm keine anzumerken. Mit 99 von möglichen 100 Punkten überholt er im Stechen den Qualisieger Andreas Berger aus Boll. Es ist Bichlers erster Schweizermeister-Titel. Und so langsam weicht die Konzentration der puren Freude. «Ich war so nervös. Ach was, ich bin es immer noch.»  Dem 23-Jährigen war die Anspannung während des gesamten Finals nicht anzumerken. «Ich bin am Morgen aufgestanden und habe gedacht: Heute passt’s!» Am Ende habe er einfach das glücklichere Händchen gehabt. Martin Birchler schiesst seit acht Jahren. Seit 2007 ist er mitglied des ASV Baar. «Die Ruhe hat mich fasziniert» Während Martin Birchler Gratulationen entgegen nimmt, schüttelt er immer wieder unglaubwürdig den Kopf. Noch hat er Mühe, seinen Sieg zu realisieren. «Es ist die Präzision und die Ruhe, die das Armbrustschiessen für mich so einzigartig macht.» Früher hatte er jeweils seinen Vater zu den Schützenfesten begleitet. «Diese Sportart nimmt viel Zeit in Anspruch. Es ist schade, dass sich nicht mehr Jugendliche dafür Zeit nehmen.» Martin Birchler spricht ein entscheidendes Problem des Sports an. Denn die Mitgliederzahlen sind stark rückläufig. «Obwohl es auch für mich schwierig wird in der Zukunft genügend Zeit für diesen Sport aufzubringen, will ich das Armbrustschiessen nicht so bald aufgeben. Ich absolviere zurzeit eine Ausbildung zum Landwirt. Noch suche ich aber Land und Hof.» Dass er damit den Sprung in die Nationalmannschaft verpassen wird, ist ihm bewusst. Nichts desto trotz, freut sich Martin Birchler auf den Mittwochabend, wo der ASV - Baar intern einen 30-schüssigen Wettkampf organisiert. Es fördert die Wettkampfstärke und sorgt für Zusammenhalt und Kameradschaft, weiß der frischgebackene Schweizermeister. Die Idee wurde zuerst belächelt Martin Birchler ist ein guter Repräsentant für einen traditionellen Sport. Trotzdem haben es seine Träger nicht verpasst, mit der Zeit zu gehen. Pressechefin Sonja Müller nennt ein Beispiel: «Bis vor ungefähr sechs Jahren gab es nur die Disziplin stehend. Mit der Kategorie kniend wollen wir mehr Leute für den Sport gewinnen.» Am Anfang sei die Idee noch belächelt worden. Mittlerweile sei das kniende Armbrustschiessen aber weiter verbreitet als das traditionelle im Stehen. Auch in Sachen Technik hat sich der Sport weiter entwickelt. Die Auswertung der Zielscheiben wird via Computer direkt auf eine Leinwand übertragen, so dass die Zuschauer stets über den Zwischenstand informiert sind. «Sobald der letzte Schütze aufsteht, ist auch die Auswertung fertig.» Die fortschreitende Technisierung betrifft auch den Schiessprozess. Dass Die Wettkämpfe in Zukunft ausschliesslich am Bildschirm stattfinden, ist für Müller «vorstellbar, aber nicht wünschenswert. Schliesslich bringt eine Ausscheidung mit der Armbrust in der Hand doch eine grössere Spannung mit sich.» Ein wirtschaftlicher Rückgang Armbrustschiessen kämpft um Aufmerksamkeit. Denn wie Schweizermeister Martin Birchler weiss auch Pressechefin Sonja Müller, dass die Mitgliederzahlen rückläufig sind. «Im Jahr sind es etwa 100 weniger.» Müller schreibt dies nicht zuletzt auch wirtschaftlichen Gründen zu. «Eine Armbrustausrüstung ist teuer. Sie kostet ungefähr 8000 Franken.» Schliesslich sorgt sie für die Balance der Schützen. Am Aussterben sei der Sport aber nicht. «Es wird auch in Zukunft Unentwegte geben, die sich nicht vom Armbrustschiessen abbringen lassen. Sie erhalten den Sport am Leben.» Auch Müller selbst ist eine leidenschaftliche Schützin. Als solche weiss sie auch, wie wichtig eine gute Nachwuchsausbildung ist. In der Schweiz gibt es ein Stützpunkttraining, in dem junge Schützen mit Potential gezielt gefördert werden. Erste Resultate davon waren bereits in Ebnat-Kappel ersichtlich: Denn Junioren-Schweizermeister Samuel Bachmann (495 Punkte) aus Herisau kam in der Endabrechnung sogar auf eine höhere Gesamtpunktzahl als Elite-Sieger Martin Birchler (493). Präziser als Wilhelm Tell Während im Final nur das Kommando von Wettkampfleiter Charly Eugster zu hören war, blüht die Armbrust-Gemeinschaft nach der spannenden Entscheidung so richtig auf. Die ausgelassene Stimmung bei der Siegerehrung schwappt über ins Klubrestaurant. Dort wird – wie bereits nach der Qualifikation – gelacht, gejasst und Kuchen verzehrt. Wer dabei welche Medaille um den Hals trägt ist zweitrangig. Kaum vorstellbar, dass dieselben Leute noch Minuten vorher hochkonzentriert zum Schuss ansetzten – und dabei um einiges präziser trafen als Wilhelm Tell seinerzeit.






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